schrifttypen im überblick |
Antiqua |
Der Begriff Antiqua bezeichnet eine Schriftgattung
und Hauptschriftgruppe nach der Schriftklassifikation; Zur Schriftgruppe
der Antiqua zählen alle Schriftarten mit
oder ohne Serifen , die römischen Ursprungs (Capitalis)
sind, abgesehen von Schreibschriften, gebrochenen Schriften und
nichtrömischen, fremden Schriften. Die Antiqua (die alte Schrift)
ist heute führende Verkehrsschrift der westlichen Kultur.
Die Antiqua die Schrift der Gelehrten entstand im
14./15. Jh. in Italien aus der Mischung einer Kleinbuchstabenschrift
(der Humanistica formata) mit einem römischen Großbuchstabenalphabet
(der Capitalis quadrata).
Ab diesem Zeitpunkt wurde die Antiqua über die Jahrhunderte
hindurch vor allem in Deutschland, Italien und Frankreich perfektioniert
und erfuhr verschiedene Ausformungen. Wodurch gleichermaßen
Schriftgruppen entstanden, die noch in der heutigen konventionellen
Schrift-Klassifikation nach DIN-16518 aufscheinen. Die Entwicklung
der Antiqua (nach Wolfgang
Beinert):
So entwickelten die deutschen Typografen Johannes und Wendelin
von Speyer Mitte des 15. Jh. aus den Atiqua-Experimenten ihrer Vorgänger
(C. Sweynheym & A. Pannartz) in Venedig die Venezianische Renaissance-Antiqua.
Ab 1530 entstand aus der Venezianischen Renaissance-Antiqua durch
die Mitarbeit des französichen Typografen Claude Garamond (ã
1561) Französische Renaissance-Antiqua. Garamond entwarf desweiteren
eine Schrifttype, die später unter seinem Namen veröffentlicht,
europaweite Verbreitung fand.
Die Barock-Antiqua, die in direkter Folge aus der Renaissance-Antiqua
hervorgeht, entsteht in der ersten Hälfte des 18. Jhs.; sie
wird auch Übergangsantiqua oder vorklassizistische Antiqua
bezeichnet. Auf der Basis der Barock-Antiqua-Schriftgruppe wird
Stanley Morrison (18891967) später die Times
für die gleichnamige New-Yorker Tageszeitung entwickeln, die
zur erfolgreichsten Schrift aller Zeiten wurde. Die Barock-Antiqua
wie die spätere Klassizistische Antiqua stehen
unter dem Einfluß der Kupferstecher-Schriften und haben ein
im Vergleich zur Renaissance-Antiqua offeneres Schriftbild. Die
Buchstaben wirken stärker konstruiert, und der Schreibfluss
ist nicht mehr so stark spürbar. Der Kupferstich ermöglichte
feine Haarstriche mit ebenso feinen Übergängen und fetten
Abstrichen.
Die Barock-Antiqua gilt als die erste Schriftart, deren Buchstaben
konsequent auf der Basis geometrisch-typografischer Gesetzmäßigkeiten
konstruiert wurden.
Um die Jahrhundertwende entwickelte der Italiener Giambattista
Bodoni (17401813) auf der Basis einer Barock-Antiqua-Form
die Klassizistische Antiqua, die ein streng symmetrisches, fast
monumental erscheinendes Schriftbild aufwies und die westeuropäische
Schriftkultur des 19. Jhs. prägte.
So entstand aus einer von Firmin Didot (1764-1836) weiterentwickelten
Klassizistischen Antiquaform um 1820 in Paris die Egyptienne
eine Schrift mit stark ausgeprägten Serifen. Aus der Linie
der Klassizistischen Antiqua ging im Rahmen der zunehmenden Industrialisierung
auch noch eine andere, weitaus sachlichere, nüchternere und
serifenlose Schrift hervor, die Grotesk.
Grotesk |
Serifenlose Schriftart, die zu der Schriftgattung der Antiqua-Schriften
zählt; die Grotesk wird deshalb auch Serifenlose Linear-Antiqua
oder aufgrund ihres serifen- bzw. schmucklosen Erscheinungsbildes
auch Endstrichlose bzw. Schriften ohne Eigenschaften
bezeichnet.
Die Entwicklung der Grotesk nimmt wie die Egyptienne
zu Beginn des 19. Jhs. in England ihren Anfang, wo sie aufgrund
ihrer sachlich-schmucklosen Erscheinungsbildes in Industriebetrieben
für Anweisungen, Beschriftungssysteme, Dokumentationen und
Gewerbs-Publikationen eingesetzt wurde als Industrieschrift.
In der traditionellen Typografie setzte sich anfangs nur schwer
durch, da ihr Erscheinungsbild als zu modern, bizarr und eben grotesk
empfunden wurde.
Die Bezeichnung » Grotesk « rührt daher,
dass das Kleinbürgertum und die kunsthandwerklich orientierte
» typographische Gesellschaft « diese serifenlosen Linear-Schriften
noch als » grotesk « als aus dem Rahmen fallend
empfanden. Der Name setzte sich bekanntlich durch. Mit steigender
Prosperität wurde diese Grotesk dann überwiegend bei Akzidenzdrucksachen
verwendet. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden
daraufhin unzählige Grotesk-Varianten: die Bücher-Grotesk,
die Liliput-Grotesk, die Französische Grotesk, etc.
(Wolfgang Beinert)
Egyptienne |
Egyptienne wird eine serifenbetonte Schriftart bezeichnet,
die nach der genormten Schriftklassifikation zu der Gruppe der Antiqua-Schriften
gezählt wird; meist aber nicht zwingend weisen
die senkrechten- und runden Linienformen sowie die Serifen dieselbe
Strichstärke auf. Egyptienne Schriften werden auch Serifenbetonte
Linear-Antiqua oder im englischen Sprachraum Clarendon
bezeichnet.
Egyptienne-Schriften entstanden wie die Grotesk Anfang
des 19. Jhs. aus der geradlinigen Klassizistischen Antiqua
in England als Reklameschriften und wurden später auch als
Zeitungs- und Schreibmaschinenschriten eingesetzt.
"Der Begriff » Egyptienne « (frz. die Ägypterin)
wurde erstmals von Thomas Curson Hansard (» TC «), dem
» schlagwörtlich « legendären Drucker der
britischen Parlamentsdebatten, im Jahre 1825 in seiner » Typographia
« verwendet und als » typographical monstrosity «
interpretiert. Der Name ist vermutlich ein Resultat der zu dieser
Zeit grassierenden » Ägyptomania «, einer Modetendenz,
die in Paris nach Napoleons » erfolgreichem « Ägypten-(Raub)feldzug
aufkam, den Empire-Stil manieristisch infizierte und mit Jean-François
Champollions epochaler Entzifferung der Hieroglyphen den klassizistischen
Zeitgeist und die Bildung nachhaltig prägte. (...) Neben modischen
und wirkungsästhetischen Aspekten war vor allem ihre Stabilität
auf den oftmals sehr minderwertigen Zeitungs- und Briefpapieren
ein Grund für ihren Erfolg. (...) Sie wurden bzw. werden überwiegend
in der Gebrauchstypographie (Grafikdesign, Werbung) eingesetzt.
Als Buchschriften sind sie aufgrund ihrer schlechten Lesbarkeit
bei langen Textpassagen nicht üblich. (Wolfgang Beinert)
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