comics :: grafic artfim :: digital video
galerie :: archiv
paph-magazin
schrift-infoabout gsz
kontakt
g.szekatsch :: home

 

   
   
 

lesekompetenz |




Und auch wenn es in Zeiten des E-Mails, Internets und eines unfassbaren Aufschwungs im Bereich der Informations-Technologie paradox klingt, die Lesekompetenz ist rückläufig. Fernsehkonsum, „Freizeitainment”, Video-Games, Internet und erhöhter wirtschaftlichen Anforderungen an die Einzelnen sind auf dem besten Wege das Lesen und die Lesekompetenz langsam zu untergraben.

Die Einführung neuer Technologien führt folglich nicht zu einer Anhebung globaler „Wissensniveaus” sondern zu neuen und großen Gefällen innerhalb der Gesellschaft. Zwischen Norden & Süden, Jungen & Alten sowie einer gut informierten Wissenselite & durchschnittlichen ArbeiterInnen tun sich plötzlich – abseits wirtschafts-politischen Interessens-Fusionen – plötzlich Gräben auf. Wissen und Information (und damit Teilhabe und Mitwirkung am gesellschaftlichen Geschehen) tragen bereits ihren vorhergesagten Kapitalwert und haben sich auf eine kleine Elitegruppen verschoben, der eine Mehrheit von "unterinformierten” BürgerInnen gegenübersteht.

Hinzu kommt das neue und durchaus paradoxe Phänomen von „modernen Analphabetismus”, der sich in westlichen Industrieländern langsam vergrößert während in den Entwicklungsländern die Zahlen der Analphabeten – zwar langsam aber dennoch – zurückgehen.

Da politische und wirtschaftliche Veränderungen jedoch von der Mehrheit der BürgerInnen abhängig sind und „mitentschieden” werden, kann die neue Form an mangelnder Lese- und Informationskompetenz bedrohliche Ausmaße annehmen.

Zur näheren Erörterung dieses modernen „Lese-Phänomens” habe ich für Interessierte im Folgenden ein kleines Potpourri aus meinen diesbezüglichen Recherchen zusammengestellt:

 

Netzwerk Alphabetisierung |

Laut der österreichischen Initiative „Netzwerk Alphabetisierung” (www.alphabetisierung.at/) leben in Österreich UNESCO-Schätzungen zufolge an die 300.000 erwachsene, funktionale AnalphabetInnen, die nicht ausreichend lesen und schreiben können, um alleine am Arbeitsplatz oder im privaten Bereich zurechtzukommen. Als Hintergund für diese Zahlen wird „Armut” im ökonomischen, sozialen, kommunikativen, pädagogischen und politischen Bereichen genannt. Über eine mögliche Gegensteuerung der Politik steht desweiteren: „Bislang gab es von Seite der Politik auch noch wenig Bereitschaft, dieses Problem überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. ... In einer Gesellschaft mit beschränkter Verteilungsgerechtigkeit sind die Voraussetzungen schon vor dem Eintritt in ein Bildungssystem ungleich, wodurch sich Bildungskapital bzw. Bildungsdefizite tendenziell reproduzieren.”

 

Pisa-Studie 2001 |

So nennt das Programme for International Students Assessment (PISA) –, eine Institution zur standardisierten Erhebung des Bildungsniveaus in 23 Staaten, – einen „modernen Alphabetismus”:
„Das Lesen ist mit unterschiedlicher Akzentuierung in allen Lebensphasen von Bedeutung. Neben dem Hineinwachsen in die Kultur im Rahmen der Lesesozialisation ist hier vor allem auch die Relevanz des Lesens als Voraussetzung für schulische und berufliche Erfolge zu nennen. Lesen als kulturelle Schlüsselqualifikation eröffnet die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und bietet die Möglichkeit der zielorientierten und flexiblen Wissensaneignung. Umgekehrt bedeutet eine geringe Lesefähigkeit bis hin zum modernen Analphabetismus einen enormen Chancennachteil. Geringe Lesefähigkeit und -bereitschaft werden daher zunehmend als soziales und politisches Problem ernst genommen." (aus PISA-Studie 2001, Kapitel Lesekompentez, S. 70)

 

Neue Züricher Zeitung |

Ekkehard Kraft beschreibt im November 2002 in der „Neuen Züricher Zeitung” unter dem Titel „Der Norden liest, der Süden sieht fern” auch ein Lesegefällle innerhalb Europas:

„Nirgends jedoch schält sich eine so klare Abgrenzung heraus wie in der Einstellung zum Lesen. Hier teilt sich die EU in einen Norden, in dem immer noch eine Mehrheit liest, und einen Süden, in dem dies nur für eine Minderheit gilt. (...)

Die Bevorzugung der visuellen Medien erweckt auf den ersten Blick den - trügerischen - Eindruck von Modernität. Das modernste Medium, das Internet, ist aber gerade dort zur Alltäglichkeit geworden, wo am meisten gelesen wird. Zwei Drittel der Schweden und mehr als die Hälfte der Dänen, Finnen und Niederländer nutzen das World Wide Web, aber nur 15 Prozent der Griechen und Portugiesen. Wer nicht gewohnt ist, häufig und viel zu lesen, dem fällt der Zugang zur modernen Informationsgesellschaft eben ausgesprochen schwer. Das Internet ist, trotz allen grafischen Finessen, letztlich ein schriftliches Medium, das sich nicht über Piktogramme oder visuelle Botschaften erschliesst. So dürfte im Süden Europas die Informationsgesellschaft ein leeres Schlagwort des Modernisierungsdiskurses bleiben, das für die meisten keine konkreten Auswirkungen zeigt. Europa wächst somit in einem wesentlichen und für die Zukunft bedeutsamen Punkt nicht immer mehr zusammen, sondern driftet auseinander.” (Ekkehard Kraft, Neue Züricher Zeitung vom Nov. 2002)

 

DPA – Deutsche Presseagentur |

In einem Bericht der Deutschen Presseagentur vom Nov. 2000, berichtet Nicola Prietze über die Präsentation eine Studie der Mainzer „Stiftung Lesen”:

Das Internet vergrößert die Wissenskluft

Das Internet spaltet die Gesellschaft: Die Kluft zwischen gut informierten Viellesern und passiven Medienverweigerern wächst mit dem neuen Medium schneller. Die neue Studie der Mainzer Stiftung Lesen über das Leseverhalten der Deutschen ist ein neuer Beleg für dieses Phänomen, das die Fachleute "Wissenskluft" nennen. Das Phänomen ist nicht neu, Kommunikationsforscher warnen schon seit Jahren davor. Doch mit der rasanten Verbreitung des Internet gewinnt der Prozess an Dynamik. Und er trifft bereits die Jugendlichen.

Auf der einen Seite des Grabens steht die „Informations-Elite" mit Menschen, die viel und regelmäßig lesen und neben gedruckten auch die elektronischen Medien wie Radio, Fernsehen und Internet ausgiebig nutzen. Auf der anderen Seite stehen Menschen, die selten ein Buch oder eine Zeitung in die Hand nehmen und sich vom Fernsehen lieber berieseln als informieren lassen.

Für die Referenten der Mainzer Tagung „Gutenbergs Folgen", die am heutigen Freitag zu Ende gehen soll, ist die wachsende Kluft gerade bei jungen Leuten ein Grund zur Besorgnis. Denn: Wenigleser drohen im Informationszeitalter den Anschluss zu verpassen. Sie sind weniger informiert und wissen weniger. Das kann nicht nur ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt verringern, sondern auch negative Folgen für die Gesellschaft haben: Der viel zitierte „mündige Bürger" braucht in der Demokratie Informationen, sonst gerät der Urnengang zur reinen Bauchentscheidung. Um die Wissenskluft zu verringern und die gesamte Gesellschaft fit für das neue, multimediale Zeitalter zu machen, müssten vor allem Kinder stärker ans Lesen herangeführt werden, so die einhellige Forderung der Experten.

Auf den ersten Blick bietet die am Donnerstag in Mainz vorgestellte Studie Anlass zu Optimismus: Es wird insgesamt nicht weniger gelesen als noch 1992 bei der vorherigen Erhebung. Aber es wird anders gelesen: Statt zu Romanen und Gedichtbänden greifen immer mehr Leser zu Sach- und Fachbüchern. Statt genussvoll zu schmökern oder ein Buch von der ersten bis zur letzten Seite zu verschlingen, überfliegen viele „Häppchen-Leser” nur noch die Seiten und picken sich die für sie relevanten Informationen heraus. Dies gilt vor allem für Jugendliche bis 19 Jahren. Dabei – so ein weiteres zentrales Ergebnis – geht ausgiebiges Surfen im Internet nicht zu Lasten der Buch- oder Zeitungslektüre. Doch es verändert den Anspruch an die Aufbereitung von Informationen und Texten. Und es verlangt dem Leser größere Fähigkeiten zur Einordnung ab.

„Im Internet wird ein ungeheurer Datenmüll erzeugt”, sagte Werner Klatten vom Spiegel-Verlag auf einer Podiumsdiskussion am Donnerstagabend. „Da muss Orientierungs- und Navigationshilfe geleistet, ein Kontext hergestellt werden". Das Internet sei mit der Möglichkeit, Links zu anderen Seiten zu knüpfen, dafür gut geeignet. Bücher, Zeitungen und Zeitschriften dagegen hätten es schwer, junge Leser zu gewinnen, "dafür haben wir noch nicht den Schlüssel gefunden", räumte Klatten ein. Die Verlage müssten ihre Produkte in der Optik und Aufmachung an die veränderten Lesegewohnheiten anpassen, forderte der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Roland Ulmer. „Aber mit den deutschen Fachautoren ist es schwierig, Texte zur raschen Orientierung anzubieten, da sind die Lektorate gefragt."

„Wenn sich unter Einfluss der neuen Medien die Art zu lesen und die Ansprüche an die Textgestaltung ändern, wenn Zappen auf Papier gegenüber sorgfältigem Durchlesen dominiert, dann muss gehandelt werden, damit die Wissenskluft nicht noch größer wird”, mahnte der Geschäftsführer der Stiftung Lesen, Klaus Ring. „Eine wachsende Kluft ist inakzeptabel, dagegen müssen wir so früh wie möglich angehen.” Dazu müsse man in den Familien ansetzen, solange die Kinder noch klein und „prägungsfähig” seien, meinte Ring. Auch die Schulen müssten eine stärkere Leseförderung betreiben.
Jürgen Genuneit vom Bundesverband Alphabetisierung wies auf die generell abnehmende Lesefähigkeit der Deutschen hin. Rund vier Millionen Menschen in Deutschland – fünf Prozent der Bevölkerung – seien praktisch Analphabeten. 14 Prozent erreichten nur die unterste Stufe der Lesefähigkeit. Doch auch bei leseerfahrenen Deutschen hat nach der Beobachtung des Frankfurter Verlegers Vittorio Klostermann die Lust nachgelassen, sich mit komplexen Inhalten auseinanderzusetzen. Nicht nur seitenlange Zeitungsartikel, auch wortlastige Fernsehbeiträge wie Kommentare würden immer seltener. „Das liegt nicht nur an veränderten Lesegewohnheiten, die Muße allgemein ist auf dem Rückzug.” (Nicola Prietze, dpa)