:: „laugh me gender,
laugh me true” ::

 

„Kinder und Narren sprechen die Wahrheit”. (Sprichwort)

Über „Humor” zu reden kann im Gegensatz dazu, ihn zu haben überhaupt nicht lustig – vielmehr manchmal sogar „bitterernst” sein. Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass es mir ernst ist. Doch ehe der Humor und sein Lachen ins Visier genommen werden, noch rasch zur Frage „Warum lacht wer?” und „Ist das überhaupt gut?”. David Hume fand vor rund 200 Jahren folgende Antwort:

Ich kann nicht umhin Verlangen zu tragen nache der Erkenntnis der Grundlagen des moralisch Guten und Schlechten, nach der Erkenntnis des Wesens und der Bedingungen des Staates, nach einer Einsicht in die Ursache der verschiedenen Affekte und Neigungen, die mich bewegen und beherrschen. Es ist mir unbehaglich, dass ich eine Sache billige, eine andere mißbillige, ein Ding schön und ein anderes häßlich nenne über Wahrheit und Unwahrheit, Vernunft und Torheit entscheide, ohne zu wissen, aus was für Gründen ich den Entscheid fälle.”1

Tja, das Lachen ist ein polygames und flatterhaftes Ding mit vielen LiebhaberInnen und eine davon trägt den Namen „Moral”. Wobei letztere hier eher als „wohlwollende Philantropin” zu verstehen ist und nicht mit der eher strengeren „Comtess Correctness” verwechselt werden sollte. Auch deshalb, da sich die Ausbrüche des befreienden Lachens mit der Strenge Letzterer gar nicht vertragen würden.

Doch zurück zu Hume: Ob er denn nun sein Begehren jemals für sich befriedigend einlösen konnte bleibt nach wie vor unklar. Aber das ist im Sinne des Lachens auch gut so, denn: Solange das Lachen auch Fragen aufwirft und offen hält, bleibt der Humor dahinter ambivalent und ebendies soll er im besten Fall auch darstellen: Ambivalenz, Vielwertigkeit und Widerspruch.

Das Metabole

Humor ist also auch: Eine widerständige Substanz, die hinter den scheinbar glatten und sauberen Oberflächen vordringt, um dahinter Bewegungen, Verschiebungen und Unregelmäßigkeiten auszulösen: „ … denn wenn einer seiner Lachlust die Zügel allzusehr schießen läßt, so hat das in der Regel eine starke ‘metabole’ zur Folge.” Metabole ist subjektiv Sinneswandlung, objektiv 'Veränderung' oder auch Umsturz.” (Klaus Heinrich)2

Als „Metabolit” versteht der Duden eine Substanz, die für den normalen Ablauf von Stoffwechselprozessen unentbehrlich ist, wie es beispielsweise Vitamine, Hormone und Enzyme sind. So wirkt das ungezügelte Lachen wie ein Katalysator, der chemische Reaktionen herbeiführt, beeinflußt und schlichtweg umweltschädliche Stoffe absorbiert.

Ethymologisch leitet sich das englische Wort „humour” aus dem französischen ab und bezeichnete einen der vier Hauptkörpersäfte wie Blut, Schleim, Galle oder schwarze Galle. Dass „humour” hier ein Bedeutungsspektrum von pulsierenden Lebenssäften bis hin zu zersetzenden Substanzen abdeckt, macht ihn in Bezug auf die Bedingungen menschlicher Existenz und deren Lebensäußerungen universell und unentbehrlich:

Humor ist – ob bitter oder impulsiv sprühend – lebensnotwendig und sein Lachen besitzt eine regulierende Kraft –, deren Stellenwert sowohl im Gesundheitsbereich – z.B. Rote Nasen oder Lachclubs – wie auch im gesellschaftlichen Bereich noch großes Entwicklungspotential aufweist.

Beseeltes Lachen

Und plötzlich ertönt ein Klingeln und eine geheimnisvolle neue Liebhaberin des Lachens meldet sich zu Wort. Ihr Name ist „Seele” und sie füttert das metabole Lachen mit ihrem Freiheitsdrang. Und nicht von ungefähr weisen die beiden auch Gemeinsamkeiten auf. Denn so erfüllt das Lachen wie die Seele universelle, kulturübergreifende und zeitlose Funktionen. Die genauen Aufenthaltsorte beider bleiben jedoch ein Rätsel, da "es bis jetzt unmöglich war, in den verschiedenen Worten, Konzepten und Praktiken des Lachens eine Kohärenz festzustellen …”3. So muß das Lachen – wie auch die Seele dahinter – eine unbezähmbare, unlokalisierbare und unberechenbare Kraft besitzen.

Was der Wissenschaft somit bisher blieb, war lediglich das Resteklauben in der Beobachtung der Wirkung. Da Standort und Ursache des Lachens nicht mit glaubwürdigen Berechnungen und Definitionen dingfest gemacht werden konnten. So besitzt das Lachen eine Qualität, die die klerikale Beurteilung nicht mal einem Neugeborenen zubilligt: die Qualität der „Unschuld”, die einem vorurteilslosen Blick auf (innere) Wahrheiten zugrunde liegt.

Diese Unschuld birgt also ein „Geheimnis”, dass gleich einem Geheimcode oder Virus im politischen & ökonomischen System, die Dimension einer bedrohlichen Geheimwaffe annehmen kann.

Doch beseelte Metabole braucht Platz, Zeit und Muße und kann nur in einem entspannten Umfeld entstehen. Diese Tatsache bietet natürlich ein Grund mehr für alle Kapitalismusprofitierer, die Lebenszeit ihrer „DienstnehmerInnen” mit der Produktion und Verwertung von Unrat – der die Sicht auf das Wesentliche verstellt – auzulasten. Dass ein solches Klima anfällig für Krankheiten ist, ist im Katalog pathologischer Symptome (wie z.B. Machtmißbrauch, Kriege, Abfangjägerankäufe, Verkehrsunfälle, Finanzminister-Webseiten, Kantinen- und Stammtisch-Witze) abzulesen.

Der Kantinen- und Stammtischwitz

So steht das Symptom „Stammtisch-Witz” auf einem festen Fundament aus Vorurteilen und wird meist zur Diminuierung spezifischer, sozialer (Rand-)Gruppen oder Personen eingesetzt. Gespeist wird diese Witzform durch Angst und Verachtung persönlicher Individualität; aufgrund ihres hohen Verbreitungsgrades verdient diese Humorkrankheit im übrigen eine Aufnahme in den Seuchenindex.

Je flächendeckender der Verbreitungsgrad, je glaubwürdiger auch das „(Todes)Urteil”, das mit sozialem Ausmaß über Personen und Gruppen verhängt wird. Interessanterweise dient die Vernichtungsklaviatur des Stammtischwitzes meist dazu Unsicherheiten auszugleichen und den eigenen Stellenwert „in-” wie auch die Dominanz „von” Gruppestrukturen zu bestätigen. Andererseits dient diese Humortechnik auch dazu, störende Fragezeichen wie auch Denkbequemlichkeiten im Bezug auf „das Andere, das anders ist als das Selbst”– zu kaschieren.

Als Hinweis wäre noch anzumerken: Die Inkubationszeit dieser Seuche ist sehr kurz und dauert höchstens 3 Sekunden. Sie wird durch „Mit-Lachen” übertragen. Hier gerät das Metabole ins Diabole, was in späterer Folge Hirntod auslösen kann.

Abhilfe gegen diese Seuche kann die von gewitzten Damen entwickelte homöopathische Methode schaffen, die gleiches mit gleichem – also Virus mit Virus – behandelt. Anleitungen, wie sie diese Methode anzuwenden ist, kursieren unter dem Titel „Die ganze Wahrheit. Blondinenwitze sind out – Männerwitze sind in” im Internet. Wenn Sie aber diesbezüglich auf Nummer sicher gehen wollen, fragen sie am besten Ihre Ärztin oder den Apotheker!

Lachen in der Genderpraxis

... angekommen wären. … Lachen Frauen und Männer anders? Nunja, oft erzählen mir Frauen, dass es für sie in Gegenwart von Berufskollegen, Vorgesetzten oder sogar Liebhabern ein durchaus schwieriges Unterfangen darstellt, die selbstgefälligen Rede- und Witzflüsse derselben mit humorvollen Einwürfen zu bereichern.

Unseren empirischen Studien und Feldforschungen zufolge konnte festgestellt werden, dass eine Vielzahl von Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts von sich selbst behaupten: humorvoll – nichtpraktizierend. Die gelebte Praxis des gesunden Humors ist also nicht nur eine Frage gekonnten Kontrastlächelns, der Seele oder vielschichtigen Überlegungen, sie ist auch...

... eine Frage der Berechtigung,...

die gleichsam das Tor zur Befreiung des metabolen Lachens öffnet.

Doch die Berechtigung zur Lach- und Redefreiheit ist angesichts von klaffenden sozialen und wirtschaftlichen Machtverhältnissen schwer verdient. Und selbst für einen Hofnarren, war dies nicht einfach.

Bei Hof hatte der Narr die Stellung eines Aussenseiters. Er stammte von niederen Einkommensschichten ab und erfuhr durch seine Berufung zum Hof einen ungeheueren sozialen und gesellschaftlichen Aufstieg. Er lieferte die schauspielerische Reflexion des Wahnsinns und erhielt damit den Preis für das Recht auf Redefreiheit. Hinter der Maske seiner Narrheit und des Wahnsinns – den er widerspiegelte wurde seine Wahrheit toleriert. Gelebter Irrsinn ist folglich in den Augen von Betroffenen viel harmloser, wie jener der durch einen Scherz in Frage gestellt wird.

Dieser Wahnsinn besitzt allerdings auch eine tragische Komponente. Allerdings war der Wahnsinn bei Hof, das tolle Verrücktsein war von ganz anderer Art, denn er transportierte den pathologischen Irrsinn in die Tonart des Lachens. Anfänglich wurde der verrückte Narr wegen seiner Andersartigkeit verhöht, wie der Zwerg, der Bucklige und der „Neger” verspottet wurden und beispielsweise über Stotterer heute immer noch gewitzelt wird, weil sie von der Norm abweichen. Doch gespielt oder echt: der Wahnsinn des Narren erlaubte alle Extravaganzen. – Er provozierte und symbolisierte das Lächerliche. Und wenn der Weg zur Wahrheit über den Wahnsinn führt, dann notwendigerweise auch über das Lachen.4

Und obschon das Lachen die wirtschaftliche Aufgabe des Hofnarren war, so oblag sein Stattfinden der Selbstberechtigung. Und da seine soziale Stellung im Rahmen der Konventionen bei Hof dies trotz seiner Aufgabe nicht zugelassen hätten, mußte sich der Narr außerhalb dieser Verhaltensnorm und damit auch ausserhalb der Kontrolle begeben.

Insofern kann es aufschlußreich sein, den gesellschaftlichen Zwängen und -Normkonventionen geschlechterspezifisch näher zu rücken. Mitmachen und mitlachen? Paßt ein Lachausbruch überhaupt in das Konzept von Attraktivität oder Autorität? Und wenn nicht, wer erteilt die Berechtigung dazu ? Wer kontrolliert das alles?

Hexen, so wird behauptet, geben sich ungezügelten Lachausbrüchen hin, ehe sie mit ihren Besen abheben. Durch diese Lachausbrüche verlieren sie die Kontrolle und dieser Zustand befähigt sie zum Schweben. – Sind also Kontrollstrukturen und Lachen – außerhalb provokativer Machtdemonstrationen – überhaupt kompatibel?

Die Lachmacht

Richten wir diese Frage doch einfach mal kurz an die Unterhaltungsindustrie, da angenommen werden kann, dass sowohl Film-Produzenten und Spiele-Entwickler wie auch ihre Zielgruppen großes Interesse daran haben dürften; ohne die Reproduktion von mainstream-tauglichen Humor wären die einen schließlich arbeits- und die anderen unterhaltungslos.

Und wieder tauchen offene Fragen auf: Wer steckt hinter der Unterhaltungs- und damit Lachindustrie? (Wobei die Sektoren Unterhaltung und Information zunehmend verschmelzen.)

Wer reproduziert dies unaufhörlich und warum wird dies alles unter dem exklusiven Top-Titeln „Innovative Trends” und geltender „Guter Geschmack” verkauft?

Natürlich ließe sich nun nach langer Recherche eine akribische Liste der international einflußreichsten Medien-Manager und Film-Produzenten auflisten. Darum geht’s aber nicht. Es geht eher um die Freiheit und Motivation des Humors. Und das sieht auch ohne Liste fast „seltsam” aus. Denn: Im Diktat einer globalen Mediengesellschaft kann die Freiheit des individuell beseelten Humors verlustig gehen.

Nun winken Vorabend-Soaps mit dem Dirigentenstab, um das Lachen breitenwirkend zu synchronisieren. Denn bleibt das individuelle, herzhafte Lachen im Halse stecken, so müssen die Tonregler bedient werden, um die internationalen Lachregeln klar zu machen.

Die beliebtesten Lachthemen der sich explosionsartig vermehrenden Soaps umfassen meist Mißgeschicke, traditionellen Slapstick und wieder: Personen und Gruppen, die sich außerhalb einer „durchschnittlichen Mittelmäßigkeit” bewegen (Homosexuelle, KünstlerInnen, Hysterische Frauen/Mütter, Versager, Teenies und Blondinen etc.), womit ein Bogen zum Stammtischwitz gespannt werden kann.

Folglich könnten die Gesetzmäßigkeiten des gängigen Medien-Humors so zusammengefaßt werden: Individualität (Randgruppen, Minoritäten) gilt aus der Perspektive des "Normalen” (durchschnittliches Mittelmaß, Majoritäten) als "lachhaft”.

Wobei dies natürlich wieder Fragen aufwirft ... ob und wie sich nämlich Humor und Lachen seit dem Anbeginn der Menschheit wirklich verändert und entwickelt haben? Haben sie wirklich Und wo wir gerade beim Fragen sind: Worüber lachen Sie eigentlich?

Alien Poo, die extraterrestrische Lebensform, die in dieser Zeitschrift vorgestellt wird (who's that poo?), würde wohl meinen, dass es am Besten wäre, herzhaft über Nichts zu lachen. Und: es hätte recht! Denn das Metabole ist überall, zeitlos und selbst im Nichts enthalten. Darüber zerkugelten sich sogar schon die Götter im Olymp, deren diesbezüglicher Leitspruch lautete: „Im Lachen über ein Nichts offenbart sich Seligkeit”.

 

Anmerkungen:
1. David Hume: Traktat über die menschliche Natur, 1739 zitiert aus: Eine Untersuchung über die Prinzipien der Moral, BRD 1996, Reclam
2. Klaus Heinrich in: Lachen - Gelächter - Lächeln, Hg: Dietmar Kamper, Christoph Wulf)
3. Jaques le Goff in: Kulturgeschichte des Humors, Hg. v. J. Bremmer, H. Roodenburg, Darmstadt 1999
4. Nach Maurice Lever: Zepter und Narrenkappe – Geschichte des Hoffnarren, München 1983

[Gala Galaktika]



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