:: die „arbeitszeit”-paradoxie::

 

„Früher war alles besser, auch die Zukunft ...” (Karl Valentin)

Zeit ist reproduktionsfähig und schafft Illusionen. Allerdings sind das spezifische Empfinden wie die Definition von Dauer von individuellen Organisations- und Verwaltungsstrukturen abhängig.

Seit den Benediktinermönchen („Die Mönche seien stets bereit, wenn das Zeichen gegeben wird, stehen sie unverzüglich auf und beeilen sich ...”) bestimmen hierarchisch strukturierte Rhythmen und Intervalle das soziale und ökonomische Feld.
Aufbauend auf einem Zeitbegriff, der zu Beginn der Industrialisierung vom Management-Philosophen F. W. Taylor geprägt wurde, wird die Zeit des Individuums als ökonomisch meßbare Größe wahrgenommen.

Taylor begann, Produktionsprozesse anhand des Zeitaufwandes zu analysieren und strukturierte sie in Zeiteinheiten. Dabei wurde das Wissen der Fabriks(fach)arbeiterInnen beschlagnahmt und in kleinstmögliche Wissens- und Zeiteinheiten wieder an die ArbeiterInnen ausgegeben. Daraus entwickelten sich Produktionsgesetzmäßigkeiten, die uns heute noch als "Fließband- oder Akkord-Arbeit” vertraut sind. Seine Intention der absoluten Ausmerze individueller Zeitstrukturen, beschreibt Jeremy Rifkin so: „Wären die Arbeiter sich selbst überlassen, würden sie andere, »menschliche« Erwägungen in den Produktionsprozeß miteinbeziehen.

Da der „variable” Faktor der Individual-Zeit nun schwer zu kontrollieren war, wurde er im Rahmen des industriellen Wachstums immer mehr in den Hintergrund gedrängt, um den industriellen Standard der „Effizienz” Platz zu machen.

Das Effizienz-Niveau – mittlerweile zum Lebensstil ganzer Generationen avanciert – erfreut sich steigener Breitenwirkung. Der anhaltende Boom von Zeit-Management-Literatur läßt "zeitlose” Aktualität wie Attraktivität erkennen.


Denn Zeit ist zum Meß und Zahlenwert geworden und Auskunft über die soziale Qualität und den ökonomischen Nutzen seiner BesitzerInnen (siehe hierzu auch „Privatzeit”-Paradoxie). Ausgehend vom Wirtschaftswert der Einzelnen, bestimmt das „Qualitätskriterium” Zeit ganze Wirtschaftssektoren.

Um Interessen zu wahren, gehören Fehlinformation und Täuschung der Kunden oftmals zur Betriebs-Philosophie. So z.B. bei Fluglinien: Ist eine Verzögerung bei der Gepäckausgabe voraus zu sehen, wird der Pilot angewiesen, ein von der zentralen Ausgabestellen weiter entferntes Gate anzusteuern (obwohl näher liegende frei sind). Ziel ist, im Reisekapitel der oft müden Passagiere einen längeren – und für sie vollkommen nutzlosen – Fußmarsch zu ihrem Gepäck zu installieren. Durch die daraus entstehenden „geringen Wartezeiten” bei der Gepäckausgabe, entsteht in den Köpfen der Passagiere die perfekte Illusion einer zügigen Organisation. Das betreffende Forschungsgebiet hierzu heißt „Wahrnehmungsmanagement”.

Dass die ökonomische Positionierung einen Zugriff auf die Privatzeit der Passagiere überhaupt zuläßt, gibt deutlich zu erkennen, in welchem Machtverhältnis die Einzelnen zum Wirtschaftsmarkt stehen: Die Zeit der Passagiere ist gegenüber jener der Fluglinie wertlos. Auch wenn die Zeit letzterer sich als „Imagepflege” tarnt.

Doch wird uns Zeit einerseits lautlos entwendet, werben andererseits Staat und Wirtschaftszweige damit, sie uns großzügig zur Verfügung zu stellen. Denn dank des technischen Fortschritts sollen hinkünftig bargeldlose Zahlungen mittels Chipcards den KundInnen und VersicherungsnehmerInnen einiges an Zeit ersparen.

Dass damit jede Bewegung der Chipcard-BesitzerInnen für den Staat leicht überwachbar wird und Banken, Versicherungen und Großkonzerne an jeder Transaktion zusätzlich verdienen, führt eigentlich zu einer staats-pathologischen Macht-Konzentration. Aber auch Krankheit kann leicht kommuniziert werden, solange sie als „Zeitersparnis” verkauft wird.

Zeit, auch „Gold des 21. Jahrhunderts" genannt ist zum begehrtesten Bodenschatz des Nährbodens „Mensch” avanciert. Seltsam bloß, daß die mächtige Armada an Technologie-Innovationen, die dem Menschen als „Zeitersparnis” zur Verfügung gestellt wird, eher das Gegenteil bewirkt. Mehr denn je, steht der Mensch unter Stress.

Die einstige Devise „in time” – in (einer) Zeit – scheint längst von anderen Zeitdoktrinen überholt: Denn Gleichzeitigkeit ist angesagt. So wird denn auch auf Werbeplakaten verlautbart, wie wunderbar es sei, gleichzeitig telefonieren, surfen und Faxe empfangen zu können. Der Sozialpsychologe und Zeitexperte Dr. Karlheinz Geißler nennt den neuen Menschen-Typus, der dieser Technik gerecht werden kann, „Simultanten”. Dieser Typus ist überall zugleich und nirgends wirklich und besitzt – nicht zufällig – auch ein von der Ökonomie erwünschtes ArbeitnehmerInnen-Idealprofil durch die Fähigkeit mehrere Tätigkeiten gleichzeitig ausüben zu können.

Wer Macht besitzt, kann sie auch einsetzen. Und so heißt‘s unisono in allen Zeit-Trainingsbüchern: „Delegieren Sie, soviel sie können!” Was nicht dabeisteht ist die Antwort: "An wen, bitteschön?”

[heart, the beast]


Goto Paph-Inhaltsverzeichnis | Goto G. Szekatsch-Home