:: die privatzeit-paradoxie::
Zeit spricht, sie spricht
einfacher als Worte. Die Botschaft, die sie bringt, ist laut und
klar hörbar. Sie kann die Wahrheit hinausschreien, wo Worte
lügen. (E. T. Hall, The Silent Language)
Sosehr wir auch drängeln,
Zeit nimmt im Alltag und seinen gewohnheitsmäßigen Ablaufen
einfach nicht Platz. Sie ist unberechenbar läßt
sich dehnen, verkürzen, verdichten und macht sich dünn
wie flüssiges Gas. Sie flieht vor uns und dennoch ist sie um
den Körper und in ihm und öffnet damit unzählige
Transit-Löcher für ihre Lastentransporte, die in Form
reizender Signale in uns eindringen.
Durchdrungen von Video-Telefonie,
Pop-up-Werbung, SMS- oder Mailmessages, wireless Lan, Glasfaserkabel,
Digi-TV und Satelliten-Kommunikation bohrt sich ein ständigen
Metamorphosen unterworfenes Zeitalter mit einer Unzahl an unzulänglichen
Innovationen und verlockenden Angeboten in die öffentliche,
private und intime Sphäre jedes Einzelnen.
Durch das tägliche Bombardement
von Reizen und Signalen entsteht gleichzeitig eine neue Form der
Zeitstruktur und damit auch -wahrnehmung, die in Aufmerksamkeits-Zeiteinheiten
pro Reizsignal unterteilt ist. Ein Signal braucht ca. drei
Hundertstel Sekunden, um rational vom Hirn verarbeitet zu werden.
Durch die Verspätung mit der wir die Zeit wahrnehmen, erklärt
sich die Gegenwart, die vor unseres Augen abläuft
fast zum Film, den wir nachträglich rezipieren können.
Eine Wirklichkeit ist somit inexistent
und was bleibt ist immerhin die Lüge einer perfekt inszenierten
Projektion. Licht aus Film ab und nun lassen sie uns mal
kurz in den Abgrund stürzen, der sich zwischen dem Hügel
der persönlichen Privatzeit und den imposanten Bergketten von
angebotenen und gleichzeitig ungenutzen Möglichkeiten auftut.
Was passiert?
Vorerst wird ein Virus in mein
Betriebssystem eingeschmuggelt, ein parasitärer Kraftstoff-Verbraucher,
der meine Energiequellen heimlich anzapft um unzählige unterbewußte
Ja-Nein-Entscheidungen zu treffen. Das macht das Gehirn ein bißchen
blutleer und es beginnt ohne bewußten Grund
zu taumeln und irrationale Entscheidungen zu treffen.
Oh, ... jetzt wird mir schwindlig,
denn: Schuldhafte Schwäche drängt sich angesichts der
Summe aller Versäumnisse auf, die die persönliche Grenzziehung
zwischen Privatheit (und damit auch Privatzeit) und der Rolle des
einzelnen im freien Markt immer instabiler werden läßt.
Und ist das sogar mit klerikalen Philosophien kompatibel, so kann
der einzelne durch Inanspruchnahme möglichst vieler Angebote
Buße tun und sich reinwaschen und sei dies mit Teleshopping.
Fällt hier der Entschluß
zur Buße, dann tritt Beschleunigung ein. Die Wahrnehmung muß
auf das Nachholen der Versäumnisse
gerichtet werden, die sich außerhalb von einem selbst befinden.
Das lenkt gleichzeitig den Blick, wobei der Eigene auch plötzlich
von außen daherkommt und im Nano-Sekunden-Takt Einkaufslisten
diktiert. Denn es muß schon ein ziemlicher Berg an Bußematerial
angeschafft werden, um die Gipfelkreuze der Bergketten in greifbarer
Nähe zu bringen.
Wird jedoch wehrhaft beschlossen
fortan mit der Sünde der Versäumnisse zu leben,
samt aller Gefahr von Isolation von der Mehrheit, so
können Zeit-Ressourcen produziert werden. Im Grunde bestehen
diese Ressourcen aus bloßer Zeit und nichts weiter, allerdings
stellen sie sich für die Betroffenen als beliebig verfügbar
als Eigen- oder Privatzeit dar.
Da diese Zeitlöcher aber
für sich gesehen keinen (materiellen) Wert besitzen, und diesen
Null-Wert auf ihre InhaberInnen übertragen, sind die BesitzerInnen
gezwungen, sie mit Sinn auf zu werten. Und da Sinn zwar
individuelle Färbungen tragen kann, jedoch nach allgemein
gültigen Faustregeln beurteilt wird und deshalb niemals
Leere bedeuten darf, müssen die Ressourcen durch
Planungen verifziert, klassifiziert und durch Tätigsein
ausgefüllt werden. Paradox, oder?
[heart,
the beast]
Goto
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